„Honig ist der Geschmack der Landschaft“ – Dietmar Niessner im Interview

Foto: Dietmar Niessner. Der Bio-Imker erinnert sich noch ganz genau an seine erste Begegnung mit Bienen.

Bienen sind faszinierende Wesen: Pro Tag fliegen sie 4000 Blüten an, um an Nektar zu kommen, und das nicht nur in ländlichen Gegenden, sondern auch in Städten auf Balkonen, Verkehrsinseln und in Parkanlagen. Wie seine Faszination für Bienen begonnen hat, erzählt uns der Bio-Imker Dietmar Niessner im Interview. Außerdem spricht er unter anderem über sein neues Buch „Bio-Imkern in der Stadt und am Land“ und seine Bienenschule für Kinder. 

 

Was fasziniert dich an Bienen? Wie hat deine Leidenschaft fürs Imkern begonnen?

Bienen sind eine ganz spannende Tierart. In ihnen vereinigen sich einerseits die Freude auf Honig, auf was Süßes, andererseits die Angst vorm Gestochen werden. Dazu die geheimnisvolle Lebensart in einem alten Bienenhaus, mit dem ganz speziellen Duft von altem Holz, Rauch und Wachs. Die ersten Blicke in einen Bienenstock im Bienenhaus eines Nachbarn in Tirol. Nach Entfernen der alten Zeitungen, dem alten Dämmpolster und plötzlich kam eine Fensterscheibe zutage, hinter der es wuselte. Das waren so meine ersten Eindrücke. Realistischer wurde es in meiner Sturm und Drang Zeit, als der Wunsch aufkeimte, Schafe zu züchten, zu Töpfern und Bienen zu halten. Töpfern ließ sich bald erfüllen, die Bienen kamen erst im Laufe des Studiums an die Reihe. Schafe warten noch 😉

Dein neues Buch heißt „Bio-Imkern in der Stadt und auf dem Land“ – was bedeutet Bio-Imkern für dich? Worin unterscheidet es sich vom „normalen“ Imkern?

Bioimkern war eigentlich das Resultat meiner Diplomarbeit an der Universität für Bodenkultur. Meine Aufgabe bestand darin, Methoden gegen die Varroamilbe zu entwickeln, die von den praktizierten Methoden mit synthetischen Medikamenten abwichen. Ameisensäure als Alternative, imkerfreundlich und sicher anzuwenden. In diesem Zusammenhang wurde mir die Rückstandsproblematik durch die Medikamente bewusst. Mein Ansatz war auch: wenn ich mir die Arbeit mit der eigenen Honigproduktion antue, dann nur bio, weil man konventionellen Honig im Geschäft billiger bekommt. War es anfangs die Rückstandsfreiheit meiner Produkte bezogen auf Varroamedikamente, so kamen im Laufe der Zeit die Lebensbedürfnisse der Bienen dazu. Bienen halten viel Mensch aus, aber auch ihnen muss man eine wesensgemäße Lebensweise unter unserer Betreuung zugestehen. So bin auch ich immer noch ein Lernender und die Bienen bieten einem viele Möglichkeiten der Überraschungen.

Du hast ein Projekt mit dem Namen „Bienenschule“, das du für Kinder anbietest  – was genau kann man sich darunter vorstellen? Wie möchtest du Kinder fürs Imkern begeistern und was willst du damit erreichen?

Meine Bienenschule entwickelte sich aus der Elternarbeit im Kindergarten meiner Kinder. Was im Kindergarten begann, setzte sich in der Volksschule fort und zog immer größere Kreise. Ich will mit meinem Projekt die Arbeit der PädagoInnen in den Bildungseinrichtungen unterstützen, die Praxis dazu liefern, die Bienen live und die Geschichten rund um die Imkerei in die Klasse bringen.
Bienen sind ein wichtiges Rädchen im Kreislauf der Natur, ohne Bienen hat auch der Waldkauz keine Nahrungsgrundlagen… und wir Menschen eine stark reduzierte Speisekarte. Oder wer denkt schon daran, dass man auch für den Salat oder die Karotte Bienen zur Samenproduktion braucht, Obst, ja das ist allen bewusst. Kinder sollen einfach Schlüsselerlebnisse erfahren. Die vergessen sie nie mehr wieder und so mancher meldet sich zur Maturaarbeit wieder bei mir oder in einem Imkerkurs. Schließlich gibt es die Bienenschule bereits seit über 20 Jahre in Wien.

Das vielzitierte Bienen- und Insektensterben ist immer wieder in aller Munde und das Verstummen des Summens in Stadt und Land ist eine besorgniserregende Entwicklung. (Wie) Kann jeder selbst etwas dazu beitragen, diese Umweltkatastrophe zu bremsen?

Ja, natürlich kann jeder was dazu beitragen, dass es den Insekten wieder besser geht. Dazu muss man weder Bienenpate werden, noch sich einen Bienenstock anmieten, es genügt, die Einkaufsgewohnheiten auf Biolebensmittel aus der Region zu ändern. Eine gesunde Umwelt hilft uns allen und wäre viel zielführender und nachhaltiger, als nur die Bienenanzahl zu vermehren. Dann sterben halt mehr Bienen an den Umweltfolgen.

Foto: Carl Albert Fähndrich. Dietmar Niessner verwendet jede Honigsorte ganz individuell.

Honig ist ja nicht gleich Honig – gibt es einen Honig, der dir am besten schmeckt?

Honig ist der Geschmack der Landschaft. Mit Honig ersteht man auch Emotionen. Konservierte Urlaubserlebnisse, Düfte der Landschaft. Wir haben in Österreich Honige, von hell wasserklar der Akazie, über mentholhaltigen zitronigen Lindenhonig in den Städten bis dotttergelben Löwenzahn und bitterem Edelkastanienhonig. So verwende ich die Honige individuell und wenn ich sentimental tirolerisch aufgelegt bin, dann kommt der Wald-Wiesenhonig aus den Bergen aufs Brot.

Du warst eine Zeitlang in Äthiopien und hast erfahren, wie die Menschen dort imkern. Was hast du übers Imkern gelernt?

Äthiopien war ein Projekt, in dem Biobauern aus Österreich nach Äthiopien fuhren und im Gegenzug kamen die äthiopischen Bauern dann zu uns nach Österreich. Es war eine sehr intensive Begegnung, für beide Seiten. Mich faszinierte dabei die dortige Imkerei mit der Top bare hive, einer Oberträgerbeute. Ich sah darin auch die Möglichkeit, diese Methode hier in Österreich umzusetzen, für mich ein Lehrbeispiel, was ich unter anderem von den Kollegen nahe des Äquators mitgenommen, gelernt habe. Dass die Oberträgerbeute im anglikanischen Raum eine große Fangemeinde hat, hab ich erst im Rahmen der Recherchen erfahren. Äthiopien ist für mich jetzt ein Land mit Gesichtern, mit hohem kulturellem Reichtum und nicht mehr ein armes „Entwicklungsland“. Das Land, das Daheim von Azanaw und seiner Familie.

Man hat ja immer das Gefühl, dass Imkern so aufwendig ist – stimmt das? Wie kann Imkern in einen stressigen Alltag integriert werden?

Für die Imkerei benötigt man bei uns sehr wohl eine gewisse Ausstattung. Imkern kann sehr entspannend, erdend sein. Es hängt nur von deiner Disziplin ab, ob du dich in deiner Völkerzahl beschränken kannst. Ein paar Völker zur Entspannung sind es auch, wenn es mehr werden, dann artet es in Arbeit aus.

Hast du noch einen Tipp für LeserInnen, die imkern wollen, aber nur einen kleinen Balkon in der Stadt haben?

Von Imkern am Balkon im dicht verbauten Stadtgebiet rate ich ab. Zu nahe ist ein Nachbar, der sich bedroht fühlt, der dir die Freude nimmt. Der Balkon soll ja auch für dich Platz bieten.
In diesem Fall bieten sich oft Ecken in einem Park an, die Stadtgartenämter helfen diesbezüglich sicher gerne. Du musst ja auch an den Lagerbedarf für leere Beuten im Winter denken, wohin mit all den Materialien? Aber wenn jemand imkern will, findet er immer einen Weg. Manches Projekt braucht dann halt seine Zeit zum Reifen. Und über einen blühenden Balkon freuen sich immer ein paar Bienen, auch wenn es nicht deine sind.

Mit 20 Jahren Imker-Erfahrung ist Dietmar Niessner ein Bienen-Experte und er zeigt euch in seinem Buch „Bio-Imkern in der Stadt und am Land“ wertvolle Tipps und Tricks, die euch zu einem erfolgreichen Bienenjahr verhelfen. Egal, ob ihr gerade erst mit dem Imkern beginnen wollt oder euer Hobby zum Beruf macht – Bio-Imkern ist verständlich erklärt und macht so noch mehr Spaß!

  • Ratschläge des Bio-Imkern erleichtern den Ein- bzw. Umstieg in die ökologische Bienenhaltung
  • umfassender Ratgeber: vom Bienenkauf über wesensgerechte Haltung bis zur Honig- und Wachsgewinnung
  • mit praktischem Jahresplan: wissen, was Monat für Monat genau zu tun ist
  • für SelbermacherInnen: Rähmchen und Beuten im Eigenbau
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