Wie ich wieder wild wurde – zumindest im Garten

“Wild thing, you make my heart sing” – sangen schon The Troggs. Mir geht es da ja nicht anders, obwohl mein Herz wohl aus einem anderen Grund höherschlägt als das von Sänger Reg Presley. Mein Herz geht auf, wenn ich höre, wie es in meinem Garten summt, wenn ich sehe, dass es dort kreucht und fleucht. Aber vielleicht nochmal zurück zum Start:

Für mich gibt es nichts Entspannenderes als dem Summen der Bienen zu lauschen. Foto: (c) Sonja Schwingesbauer.

Wild sind wir doch alle gern mal, brechen Regeln, leiern Grenzen aus. Dieses Wild-Sein hat für die meisten von uns aber ein Ende erreicht, wenn wir an der Schwelle zu unserem Garten stehen: Dort hat größtenteils Ordnung zu herrschen und vor allem gibt es dort klare Unterscheidungen zwischen Nutzpflanze – Unkraut, Beet – Rasen, Mir (Salatliebhaberin) – Schnecke (Fressfeind). Ihr seht schon – ich kenne das, denn auch in meinem Garten war das nicht anders. Alles was sich zwischen meinen geliebten Pflänzlein bewegte, wurde als Eindringling eingestuft. Aber warum eigentlich? Tja, gute Frage … die ich mir nicht wirklich gestellt habe, bevor ich Sonja Schwingesbauers Buch „Wo die wilden Nützlinge wohnen“ in die Finger bekommen habe. Und was kann ich schon sagen, außer: das Buch hat meinen Blick auf den Garten als Lebensraum komplett verändert. Ich habe die Tiere in meinem Garten durch die ausführlichen Porträts darin erst wirklich kennen- (bitte nicht meinem Biologielehrer verraten!) und schätzen gelernt und erfahren, wie viel sie tagtäglich für mich tun. Vor allem aber hat das Buch eines: mir Werkzeuge in die Hand gelegt, um Umweltschutz leben zu können, anstatt nur darüber zu reden. Und weil es zu diesem Buch so viel zu sagen gibt, hier noch ein paar Gründe, warum es auf meiner Hitliste gelandet ist:

 

Einfach mal auf Safari gehen im eignen Nützlingsgarten. Foto: (c) Sonja Schwingesbauer; Illustration: (c) Quagga Illustrations.

1 | Laissez-faire-Gärtnern und trotzdem mehr Ertrag

Einfach mal hängen lassen – damit ist aber nicht der Kopf gemeint, sondern im besten Fall Arme, Beine und allerlei Blätter. Bevor ich begonnen habe, nützlingsfreundlich zu gärtnern, war ich sehr bedacht darauf, in meinem Garten alles ordentlich zu halten. Angefangen von den säuberlich angelegten Beeten, über die gut recherchierten Setz- und Pflegetechniken bis hin zum sauber gemähten Rasen. So war mein Garten zwar immer schön anzusehen, aber zugegeben oft auch eine Stressquelle. Groß war meine Angst vor Fresskonkurrenz, wenn ich in Richtung Beete geblickt habe. Durch „Wo die wilden Nützlinge wohnen“ habe ich verstanden, wie sehr ich tagtäglich von meinen tierischen Mitbewohnern profitiere, ohne es zu bemerken. Nützlinge bestäuben, helfen bei der natürlichen Schädlingskontrolle und wandeln organische Abfälle in fruchtbare Erde um. Grund genug, das Date mit dem Rasenmäher abzusagen und meinen Helferlein so ihren verdienten Platz einzuräumen. Das Ergebnis: mehr Gelassenheit auf meiner Seite und mehr Ertrag auf Seiten des Beetes.

 

2 | Bewusstseinsbildung ohne erhobenen Zeigefinger

Das Thema Umwelt- und Artenschutz begegnet uns mittlerweile überall und das ist auch gut so. Viele ExpertInnen in Umweltbelangen haben zwar Argumente und Zahlen auf ihrer Seite, vertreten ihre Ansichten aber mit erhobenem Zeigefinger, was andere wiederum abschreckt, Stellung zu beziehen. Autorin Sonja Schwingesbauer weiß das Thema besser anzugehen: Ihr fachlicher Background (Doktorat an der BOKU Wien) macht sich in fundierten Erklärungen bemerkbar, nicht aber in der Art, wie sie dieses Wissen teilt. In den ausführlichen Tierporträts schafft sie Bewusstsein für das tägliche Tun von fleißigen Bienchen und Co. – und das so verständlich, dass auch Neo-NützlingsgärtnerInnen wie ich leicht schritthalten können.

 

3 | Der Natur etwas zurückgeben

Igeltraud liebt ihr neues, tierfreundliches Zuhause!

Hauptsächlich liebe ich dieses Buch dafür, dass es mir klar gemacht hat, wie einfach es sein kann, der Natur etwas zurückzugeben. Durch die intensive Landnutzung von uns Menschen haben viele Kleintiere ihre natürlichen Lebensräume verloren. Das Ergebnis: Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind bedroht, unsere Landschaft wird monotoner. Dem etwas entgegenzusetzen, war zwar ein lang gehegter Wunsch von mir, aber ich muss gestehen: Mir fehlte einfach das Know-How. Das Buch hat mir mit Bauanleitungen zu Nisthilfen, Sortenempfehlungen für den Kräuterrasen etc., das nötige Werkzeug dafür in die Hand gelegt. Und nun kann ich sagen: mein Rasen ist zwar alles andere als englisch (dort schießen aktuell Spitzwegerich, Schafgarbe und Gänseblümchen aus der Erde), aber ich habe meinen Garten noch nie so schön, saftig und lebendig erlebt! Plus: Igeldame Igeltraud hat schon mein eigens für sie gebautes Haus bezogen. Tja und ich … ich genieße das Leben mit meiner wilden WG!

 

 

 

Klar, es gäbe noch hunderte großartige Dinge über „Wo die wilden Nützlinge wohnen“ zu sagen. Angefangen von der Haptik, den unglaublichen Bildern, den liebevollen Illustrationen … aber es macht viel mehr Freude, das selbst zu entdecken. Ich kann nur sagen: wem ein achtsamer Umgang mit der Natur am Herzen liegt, der wird darin genügend Anstöße für die Umsetzung im Alltag finden. Wildes Nützlingsehrenwort!

Wissenswertes rund um das nützlingsfreundliche Gärtnern findest du übrigens auch auf der Homepage der Autorin Sonja Schwingesbauer.

 

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Das Gemüse wächst in den Himmel! Und ich schau ihm lächelnd dabei zu.

Schon cool, diese Pflänzchen: Schön eingerahmt in einem schmucken Hochbeet entwickeln sie vergnügt und unbeschwert Blatt für Blatt, knallbunte, knackig-reife Früchte und Geschmäcker zum Niederknien. Ich liebe es! Und ich liebe das neue Buch von Doris Kampas „Das unglaubliche Hochbeet“. Aus Gründen! Die wichtigsten 5 findet ihr hier:

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Gärtnern entspannt? Gärtnern ist mein Meditieren!

Ja wirklich. Klingt zu gut, um wahr zu sein: aber kein Spa-Bereich der Welt kann mit meinem Garten mithalten. Gut, gegen eine kräftige Massage oder ein duftendes Bad habe ich nichts einzuwenden. Aber wenn ich draußen arbeite, meine Pflanzen setze, dem Gemüse beim Wachsen zusehe oder herrlich frische Kräuter aus dem Beet nasche, dann bin ich sicher: Ich möchte nirgends lieber sein als hier. Und genau deshalb habe ich mich auf Anhieb in das Buch „Wühl dich glücklich“ von Andrea Heistinger verliebt: Sie hat sich damit nicht nur in mein Lektorinnenherz geschrieben, sie spricht mir aus der Gärtnerseele!

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Huhn gehabt, oder: die Liebe zu Henne und Ei neu entdecken

„Kikeriki!“ – der morgendliche Weckruf von Nachbars Hahn bedeutete für mich immer eins: aufstehen und zur Schule gehen. Hühner verbinde ich mit vielen Kindheitserinnerungen. Sei es die Freude, mit der ich auf Omas Bauernhof Eier einsammelte,  die Geborgenheit, mit der mir Mama eine wohltuende Hühnersuppe ans Krankenbett brachte oder die Fassungslosigkeit, mit der ich Dokumentationen über die grausame Massenaufzucht von Hühnern und Küken verfolgte.

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