Folientunnel: So erntet ihr auch im Winter frisches Gemüse!

Erntefrische, knackige Karotten im Dezember, saftige Baby-Leaf Salate im Januar und zarter Spinat im November. Das alles nicht von fernen Kontinenten oder aus dem beheizten Gewächshaus, sondern aus dem eigenen Garten, ohne zusätzliche Heizkosten. Das klingt unrealistisch? Lasst euch überraschen. Denn einige Sorten gedeihen auch bei winterlichen Temperaturen hervorragend, vorausgesetzt man trifft ein paar Vorkehrungen. Spinat und Blattsalate, Winterportulak und Vogerlsalat, diese und andere Sorten halten nicht nur Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt aus, sondern schmecken auch intensiver, werden zarter, aromatischer und knackiger, wenn sie kalten Temperaturen trotzen müssen und weniger Sonnenlicht ausgesetzt sind. Mehr Calcium, mehr Eisen, gleich zwölf Mal mehr Vitamin A und sechs Mal mehr Vitamin C: Im Winter gepflückte Salatköpfe sind sogar gesünder als ihre sonnenverwöhnten Pendants, als natürliche Frostschutzmittel eingelagerte Anthozyane werden vom menschlichen Körper zudem als wertvolle Antioxidantien verarbeitet.

Winterernte ohne Heizkosten

Wer dahinter überdimensionierte Geräte und teure Anschaffungen, chemische oder gar genetische Eingriffe vermutet, liegt falsch. Der Bio-Pionier Eliot Coleman hat vielmehr alte, traditionelle Methoden wiederentdeckt die schon im 17. Jahrhundert in den Niederlanden und in den Gemüsegärten von Versailles angewandt wurden. Diese können ganz unkompliziert auch in eurem Garten umgesetzt werden und liefern auch für Stadtgärten, Urban Farming und euren Balkon tolle Anregungen. Mit genauer Planung, durchdachten Fruchtfolgen und ganz einfachen Vorrichtungen wie Abdeckungen, Folientunneln und Beetkästen hat Coleman eine einzigartige Methode entwickelt, seine Gemüseernte auf das ganze Jahr auszudehnen. Dabei nutzt er nur die Energie, die durch den Abbau von Humus entsteht. Natürlicher geht es nicht!

Historischer französischer Mistbeetkasten mit Glasabdeckung. Aus: Coleman: Handbuch Wintergärtnerei (S.28)

Historischer französischer Mistbeetkasten mit Glasabdeckung. Aus: Coleman: Handbuch Wintergärtnerei (S.28)

Durch den klugen Einsatz von Hilfsmitteln wie mobilen Glashäusern, die je nach Saison und Witterung über die Beete geschoben werden können, zeigt Coleman, wie man mit ausgeklügelter Planung und Kreativität auch im Winter eine großartige Vielfalt erntefrisch auf den Teller zaubern kann. Das alles mit minimalem Energieaufwand und einer erstaunlichen Ausbeute.

Erfahrungsschatz und wiederentdeckte Methoden

Über 40 Jahre Erfahrung stecken in Colemans Lebenswerk. Auf der Four Seasons Farm im US-Bundesstaat Maine, die er mit seiner Frau Barbara Damrosch betreibt, feilt er immer noch an der perfekten Fruchtfolge und untersucht dabei etliche Sorten auf ihre Frostreife und Kälteeigenschaften.

Eliot Coleman

Wintergarten-Pionier Eliot Coleman

Lange Zeit als Spinnerei abgetan, erobern die wiederentdeckten Methoden der Wintergärtnerei jetzt auch in unseren Breiten Beete und Felder, Gartenprojekte und Forschungseinrichtungen im Sturm. Und genaugenommen handelt es sich bei der Praxis des Wintergärtnerns auch um viel mehr als einfach eine Art, das ganze Jahr über köstliches Gemüse herzustellen: Colemans Arbeit birgt auch Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit und gibt kleinen und mittelgroßen Unternehmen eine Methode in die Hand, mit der sie die Erntesaison mit einfachsten Mitteln übers ganze Jahr ausdehnen können. Großen Monokulturen, irrationalen Transportodysseen und der Homogenisierung der Landwirtschaft wird ein regionales Netzwerk kleiner Produzenten mit saisonalem Angebot gegenübergestellt und der Erhalt einer Vielfalt seltener Sorten mit winterfesten Eigenschaften wird gefördert. Die Möglichkeiten, die in den praktischen Methoden der umweltfreundlichen und energieeffizienten Wintergärtnerei schlummern, sind noch gar nicht richtig erfasst, aber einem Argument kann sich garantiert keiner verschließen:

Winterkarotten schmecken karottiger, der Wintersalat ist knackiger und selbst im tiefsten Winter kommt das Gemüse erntefrisch auf den Teller und schmeckt durch das begrenzte Wachstum wie die köstliche Essenz seiner selbst.

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„Die kühle Lagerung direkt im Boden verbessert zusätzlich Aroma, Süße sowie Knackigkeit beim Rohgenuss, so dass die letzten Exemplare, die Ende Februar geerntet werden, sogar noch süßer sind als die ersten.“

Frostgeküsste Karotten und robuste Rüben – viele Sorten schmecken sogar besser, wenn sie im Winter geerntet werden, denn die Kälte bringt sie unter anderem dazu, die enthaltene Stärke in Zucker zu verwandeln. Ein einfacher Folientunnel schützt eure Karotten vor tiefen Temperaturen und erleichtert zudem die Winterernte – das Gemüse muss nicht aus dem Schnee ausgegraben werden. Alles, was ihr für das Winter-Starterkit für den eigenen Garten benötigt, sind einige Elektro-Kabelrollen, Gärtnervlies und kleine Sandsäcke:

Anleitung: Mini-Folientunnel

⇒Auszug aus: Handbuch Wintergärtnerei (S. 128-130)

Bauanleitung: So baut man einen kleinen Folientunnel

  • Die Bögen für unsere Minitunnel bestehen aus 3 m langen Elektro-Kabelrohren in Halbzollstärke, entweder aus Kunststoff oder aus Metall. Zu einem Halbkreis gebogen überspannen sie je zwei nebeneinanderliegende 75 cm Beete und den dazugehörigen Mittelweg.
  • Wir schieben die Kabelrohre auf jeder Außenseite der beiden Beete 25 cm tief in die Erde, sodass ein in der Mitte 75 cm hoher Bogen entsteht. Kunststoffrohre können einfach an Ort und Stelle durch die Fixierung im Boden gebogen werden; Metallrohre können mittels einer speziellen Biegevorrichtung für Kleintunnel in die passende Form gebracht werden.
  • Die Bögen setzen wir im Abstand von 1,5 m entlang der Beete (deren Länge üblicherweise entweder 15 m oder 30 m beträgt). Danach wird zunächst ein 3 m breites Gärtnervlies über die Bögen gezogen und alle 1,5 m mittels kleiner Sandsäcke fixiert.

Wir verwenden die kleinen Folientunnel auch im Spätherbst, um späte Freilandkulturen kurzfristig zu schützen. So bauen wir nun noch größere Mengen unserer beliebten im August gesäten Karotten an, weil wir wissen, dass wir sie noch zwei Wochen länger direkt frisch aus der kühlen Erde ziehen können. Wenn der Wetterbericht Temperaturen unter -4 °C oder einen ersten Schneesturm ankündigt, können wir immer noch rasch einen Minitunnel über den Karotten aufbauen, mit Folie abdecken und die Folie mit Sandsäcken beschweren.

Die Abdeckung wird dann bei der Ernte der Beete sukzessive entfernt.

Wenn ab Ende November/Anfang Dezember echtes Winterwetter droht, ziehen wir zusätzlich eine 3 m lange durchsichtige Kunststofffolie über das Vlies, um den Minitunnel besser vor der Schneelast zu schützen. In schneereichen Gegenden sollte man bei Verwendung von Kabelrohren aus Kunststoff Bögenabstände von 75 cm wählen.

Wenn der Frühling kommt, beginnen wir die Tunnel an sonnigen Tagen zu lüften. Wir entfernen an der Südseite des Tunnels einige Sandsäcke und schlagen gekerbte Stützen ein, um die Enden der Folie und des Vlieses anzuheben. Sobald die Außentemperaturen ein Niveau erreicht haben, das einen Schutz der Kulturen nur durch Vlies allein erlaubt (Ende März), entfernen wir die Folienabdeckung vollständig und lagern sie bis zum nächsten Winter.

Weitere praktische Tipps und für ganzjähriges Ernten, Bauanleitungen für Folientunnel und einfache Gewächshäuser und Empfehlungen für Fruchtfolgen und Erntepläne, findet ihr in Eliot Colemans Standardwerk: Handbuch Wintergärtnerei.