Bist du das, Giersch?

Manchmal ist es gar nicht so einfach, Wildpflanzen voneinander zu unterscheiden und die Kräutlein richtig zu bestimmen. Der Giersch ist da keine Ausnahme: Er wächst zwar (fast) überall und (fast) das ganze Jahr, trotzdem kann es leicht passieren, dass du beim Sammeln auf einen seiner Lookalikes triffst. Welche Merkmale haben zum Beispiel die Blätter, an denen du den Giersch erkennen kannst? Was musst du noch alles über diese Pflanze wissen? Das erzählt dir der Giersch liebend gern selbst: 

So heiße ich

„Hallo, ich bin der Giersch! Ich muss schon sagen: Es fasziniert mich immer wieder, was den Menschen alles so an Namen für mich einfällt. Eine kleine Kostprobe gefällig? Geißfuß, Hinfuß, Erdholler, Wiesenholler, Dreiblatt, Zipperleinkraut, Podagrakraut und was weiß ich noch alles. Meine englischen Namen ‚bishops weed‘ oder ‚ground elder‘ finde ich richtig cool. Die Franzosen nennen mich ‚égopode des goutteux‘, also den Ziegenfuß der Gicht. Das klingt auf Französisch doch gleich viel vornehmer.“

We are family

„Ich komme aus der großen Familie der Doldenblütler. Auf den ersten Blick ähneln wir uns alle sehr. Also schau genau hin bei uns! 

Einige meiner Verwandten sind sehr nett und für die Menschen nützlich oder sogar genießbar. Beispielsweise der herzhafte Sellerie, die aromatische Petersilie oder meine wilden Geschwister: der frische Wiesenkerbel, der würzige Wiesenkümmel und die wunderschöne Wilde Möhre

Aber hüte dich vor meinen giftigen Familienmitgliedern wie Schierling, Hundspetersilie und Taumel-Kälberkropf. Diese und noch ein paar andere haben es in sich und sind nicht gut für dich.“

Typisch für mich

„Du fragst dich, wie du mich, den Giersch, erkennen kannst, wenn ich noch jung und ohne Blüten bin? Ich kann dir sagen, es ist ganz einfach: Ich habe einen innigen Bezug zu der magischen Zahl Drei.

‚Drei, drei, drei – bist beim Giersch dabei!‘

Mein Stängel ist dreikantig, das kannst du ganz deutlich fühlen. Meine gefiederten Blätter haben drei Teile, sind noch einmal dreigeteilt und bilden ein Kreuz miteinander. 

„Geißfüßchen“ des Giersch
An seinem „Geißfüßchen“ kannst du den Giersch erkennen. Foto: © Angela Mair

Allerdings ist mein Blütenstängel rund. So kannst du dich vergewissern, dass ich es bin:

Ziehe einen Blattstängel aus der Erde und schau nach, ob sich auch ein ‚Geißfüßchen‘ am Ende befindet.

Ich wachse bis 50 cm hoch – wenn ich mich anstrenge und nicht vorher von dir ausgerupft werde, kann ich sogar 1 m groß werden. Außerdem rieche ich wirklich gut, nach einer Mischung aus Möhre und Petersilie. 

Von Juni bis August kannst du meine Doppeldolden bewundern. Das Besondere an ihnen: Sie bestehen aus vielen zierlichen, weißen Einzelblüten. Wie kleine Wölkchen leuchten meine hellen Blüten unter schattigen Hecken hervor – dieser Anblick ist einfach atemberaubend … 

Im Herbst entwickle ich köstliche, aromatisch schmeckende Samen. Probier sie mal als Brotgewürz, du wirst begeistert sein – versprochen!“

Im Sommer bezaubert uns der Giersch mit seinem feinwürzigen Duft. Foto: © Rita Demmel
Im Sommer bezaubert uns der Giersch mit seinem feinwürzigen Duft. Foto: © Rita Demmel

Hier wachse ich besonders gerne

„Ich liebe einen frischen, nährstoffreichen und tiefgründigen Boden. Am besten wachse ich im Halbschatten unter Gehölzen. Gräben, Bach- und Flussränder sowie feuchte Gebüsche in Auwäldern finde ich auch toll.

Mit meinen unterirdischen weißen Ausläufern breite ich mich sehr gerne in Gärten aus, das gefällt nicht jedem. Liebhaber sehr gepflegter Ziergärten können mich daher überhaupt nicht leiden und versuchen mich permanent auszurotten. Für sie bin ich ein unsäglicher Schrecken im Garten. Sie interessieren sich eben einfach nicht für meine wahren Werte. Aber so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen. Ich bin nämlich supervital!

Achtung, Verwechslungsgefahr!

Giersch als Jungpflanze im Frühjahr
Im Frühjahr ist der Giersch einer der ersten, der sprießt. Foto: © Hildegard Riedmair

„Bevor ich blühe, sehen mir junge Sprösslinge des Schwarzen Holunders ein wenig ähnlich – hier musst du aufpassen. 

Allerdings besitzt der Holunder keine dreigeteilten Blätter und auch keine weißen,  unterirdischen Ausläufer. Auch am Geruch kannst du den Schwarzen Holunder von mir unterschieden: Der Holunder riecht nämlich alles andere als gut.

Du könntest meine Blätter auch mit denen der jungen Wald-Engelwurz verwechselnBitte denke bei der Ernte unbedingt an die Verwechslungsgefahr mit meinen giftigen Verwandten! Beziehe bei der Bestimmung mehrere Merkmale ein. Manchmal sind wir Doldenblütler nicht sofort zweifelsfrei zu identifizieren. Lass dich bitte nicht entmutigen und beobachte uns über die gesamte Vegetationsperiode. Achte genau auf Stängel, Blatt, Blüte, Samen, gegebenenfalls Wurzel und Geruch. Spätestens im nächsten Jahr weißt du dann genau, wen du vor dir hast!“

Pflück mich

„Am besten schmecken meine zarten, noch zusammengefalteten, hellgrün glänzenden, ersten Blattaustriebe. Hauptsaison habe ich deshalb in der Zeit von März bis April. Erntest du mich regelmäßig, kannst du meine jungen Blätter fast das ganze Jahr über pflücken. Ich wachse ja schnell wieder nach. 

Meine ausgewachsenen Blätter haben ein kräftigeres Aroma. Sie bereichern Gemüsegerichte mit einem überraschend guten Geschmack – einfach mal probieren und staunen! 

Ab Juni erfreuen meine Blüten nicht nur dein Auge, sondern auch deine Gäste. Sie sind in der Küche als würzige Zutat für Salate, Gemüse, Butter, Eierspeisen oder einfach nur als hübsche Garnitur einsetzbar. Mit meinen älteren Blättern, Stängeln und Blüten kannst du köstliche Wiesenlimonaden aromatisieren.“

Dabei helfe ich dir

„Man sagt mir nach, dass ich mild harntreibend, krampflösend, entzündungshemmend und entsäuernd wirke. Probier’ es doch einfach mal aus! Früher galt ich als das Heilmittel gegen Gicht. Du kannst mit mir eine mehrtägige Frühjahrskur machen, mit innerlichen und äußerlichen Anwendungen. Das regt deinen Stoffwechsel an und unterstützt deinen Organismus beim Entsäuern.“

Was du noch über mich wissen sollst

„Ich bin ein wirklich toller Spinatersatz und schmecke viel pikanter und gehaltvoller als dieser, das kannst du mir glauben. Außer ein bisschen Mühe beim Pflücken koste ich nichts! Darum bin ich auch Popeyes neuer Liebling.

Ganz wunderbar schmecke ich übrigens in einer Giersch-Lachs-Lasagne. Du wirst sehen: Wenn du mich deinen Gästen in dieser wilden Lasagne (oder auch in anderen Gerichten) auftischst, werden sie hellauf von mir begeistert sein. Großes, grünes Giersch-Ehrenwort!“

Giersch-Lachs-Lasagne
Mmh, Giersch ist ein wunderbarer Spinatersatz - unbedingt ausprobieren! Foto: © Alice Hönigschmied

Denk das nächste Mal an die Worte vom Giersch, wenn du auf der Suche nach ihm bist – mit seinen Tipps kannst du dieses Wildkraut ganz leicht erkennen, richtig ernten und dir selbst etwas Gutes tun.

Der Giersch hat aber noch elf andere Freunde, die unbedingt mit dir Bekanntschaft machen wollen – lerne sie in „Zwölf ungezähmte Pflanzen fürs Leben“ kennen und lasse dich von ihnen begeistern! Gerne erzählen sie dir alles aus ihrem Leben: Wie sie aussehen, wirken, schmecken, und mit welchen Fähigkeiten sie dich überraschen!

Cover: Zwölf ungezähmte Pflanzen für dein Leben
  • 12 VIPs (very important plants): detaillierte Portraits von den Wildpflanzen höchstpersönlich 
  • 8 in 1: Acht Kräuterfrauen teilen ihren Erfahrungsschatz und ihre liebsten Heil- und Kochrezepte
  • Kräutertiming ist alles: Wann ist die richtige Sammelzeit für Pflanzen mit ätherischen Ölen? Wann für wildes, essbares Grün?
  • Rausgehen, entspannen und heimische Kräuterkraftpakete direkt vor der Haustür finden